Blutgetränkte Erde

Tag der Gefallenen von Gallipoli - der 18.03.1915

Die Fähre von Cannakale nach Kilidbahir, also von Asien nach Europa über die Dardanellenstraße, fährt alle 30 Minuten. Wir sind an Bord des Schiffes mit Ziel zum europäischen Ufer. Vor uns liegt die Halbinsel GALLIPOLI (türkisch Gelibolu) im Sonnenlicht. Warum nach Gallipoli? Die Antwort auf diese Frage gibt ein Text auf der Uferböschung oberhalb des kleinen Städtchens Kalidbahir. Dort steht geschrieben: „DUR YOLCU – Halte an, Reisender, wenn Du unwissend diesen Boden betrittst. Hier haben wir eine gigantische Schlacht geschlagen.“ Damit ist eine der größten See- und Landschlachten der Militärgeschichte gemeint. Sie brachte 1915 dem Osmanischen Reich einen legendären Sieg über die Alliierten, die die gesperrte Meerenge der Dardanellen militärisch öffnen wollten.

image004

Fünf Minuten Geschichte – ein Muss!
Sonst bleibt man „unwissend“, wie der Text vor Kalidbahir den Reisenden mahnt. Galibolu stellt für den Türken ein Symbol für Tapferkeit, Durchhaltewillen und Opfermut dar. Jeder türkische Schüler kennt die Einzelheiten der Dardanellenschlacht. Der große Nationalstolz des türkischen Volkes hat hier eine seiner wichtigsten Quellen.

Das Osmanische Reich war im Ersten Weltkrieg mit den „Mittelmächten“ (Deutsches Reich und Österreich – Ungarn) verbündet. Die „Entente-Staaten“ (Vereinigtes Königreich Groß-Britannien und Irland, Frankreich, Russland und später Italien) wollten das kaiserliche Deutschland durch eine zweite Front im Südosten Europas schwächen. Ziel war, Istanbul (damals im Westen noch Konstantinopel genannt) zu erobern und damit für die russische Schwarzmeerflotte den Weg durch den Bosporus und die Dardanellen nach Westen frei zu machen.

image001
Aber dieser Versuch misslang und endete für die Alliierten in einem Desaster. Nun mussten die Karten neu gemischt werden und man beschloss, Istanbul auf dem Landweg zu erobern. Um den Widerstand der türkischen Einheiten auf Gallipoli zu brechen, brachten die Westalliierten zusätzlich australische und neuseeländische Freiwilligen-Verbände als Landungstruppen über Ägypten in das Seegebiet bei den Dardanellen (ANZAC-Truppen).
Die deutsche Heeresleitung hatte schon 1913 eine Militärkommission unter dem General Liman von Sanders für die Reformierung des osmanischen Heeres nach Istanbul geschickt.

Diese Offiziere erarbeiteten mit der osmanischen Seite eine Verteidigungsstrategie für Gallipoli aus.
Oberstes Ziel aller Überlegungen war, Istanbul nicht zu gefährden.

Am 25. April 1915 begann an mehreren Stellen der Halbinsel die Invasion, die durch schweres Feuer der alliierten Schiffsartillerie vorbereitet worden war. Obwohl die türkischen Truppen an einigen Stellen in der Minderzahl waren, erlitten die Angreifer schwere Verluste. Einige Einheiten der Briten wurden in offenen Booten ans Ufer gebracht, das durch Stacheldrahtsperren gesichert war. Die Soldaten gerieten nach der Landung in türkisches Maschinengewehrfeuer. Es gab teilweise bis zu 70% Verluste. Das große Sterben hatte begonnen. Und damit eine Geschichte, die einen unvorstellbaren Blutzoll forderte. Das grauenhafte Geschehen in den Grabenkämpfen, wie wir es nur noch von Verdun und Flandern kennen, erzeugte dennoch nationalen Stolz und Ehrgefühl bei den Türken. Ihre Streitkräfte hatten eine technisch überlegene fremde Streitmacht besiegt.

Am 19. Dezember 1915 begannen die Alliierten mit dem Rückzug von Gallipoli. Der britische „Erste Lordadmiral“ Winston Churchill, der für die missglückte Landung auf der Halbinsel verantwortlich gemacht wurde, musste seinen Hut nehmen. Man sollte in der Geschichte des Königreiches dennoch noch einmal von ihm hören.

image032

Ein Feuersturm – die Seeschlacht vor Gallipoli am 18. März 1915
Unser Fährschiff legt nach 20 Minuten in Kalidbahir an. Wir sind auf europäischem Boden. Diese Stelle ist nur 1,4 km vom asiatischen Ufer entfernt. Und deshalb ist die Wasserstraße hier am besten zu blockieren. Das wusste man auch schon 1462, als Sultan Mehmed Fatih hier eine Sperrfestung errichtete. Zusammen mit dem Pendant auf der asiatischen Seite in Cannakale, der Cimenlik Kalesi, war diese Stelle am besten zu kontrollieren.
Die Türme und Mauern der Festungsanlage sind gerundet, damit Kanonenkugeln besser abgelenkt werden konnten. Das spielte am 18. März 1915 keine Rolle mehr, als die Alliierten ihren ersten Versuch unternahmen, die Blockade zu durchbrechen. Eine Armada von britischen und französischen Kriegsschiffen, darunter Schlachtschiffe und Kreuzer mit hoher Feuerkraft, hatten sich in der Meerenge gruppiert. Sie schossen mit Kalibern bis zu 40,5 cm aus den Zwillingsgeschützen der Schiffe. Ziel waren die türkischen Batteriestellungen auf beiden Seiten der Dardanellen.

image022

Die türkischen Kanoniere waren vorbereitet. Aber eine solche Feuerkraft hatten auch sie noch nie erlebt. Dorfbewohner, die die Soldaten mit Wasser und Proviant versorgten, berichteten, es sei „Stahl und Feuer vom Himmel gefallen“. Viele Stellungen erhielten vernichtende Treffer, andere feuerten unentwegt weiter auf die feindlichen Schiffe. Sie wurden unterstützt von deutschen U-Booten, die später zwei britische Schlachtschiffe versenkten. Als „Heldenschiff“ ging der türkische Minenleger „NUSRET“ in die Geschichte ein. Seine Mannschaft hatte noch in der Nacht vor dem Angriff eine totale Minensperre durch die Meerenge verlegt. In diese Minen wurden zahlreiche alliierte Schiffe mit Ruderschaden getrieben und schwer beschädigt. Eine große Niederlage zeichnete sich ab.

Als immer mehr Schiffe der Angreifer in die Minen gerieten, wurde der Angriff abgebrochen und die Flotte zurückgezogen. Der Durchbruch durch die Dardanellen war gescheitert.

Wer nach Cannakale kommt und sich für die geschilderten Ereignisse interessiert, sollte unbedingt in das Kriegsmarine-Museum gehen. Der Minenleger „Nusret“ ankert als Nachbau mit seinen Minenattrappen vor dem Museumsgarten (Original in Mersin zu sehen). Hier liegt auch das Wrack eines versenkten deutschen U-Bootes. Vor allem sind Geschütze jeden Kalibers zu sehen. „Gebaut von Friedrich Krupp, Deutschland“, lesen wir auf den Begleittafeln. Deutsch-türkische Waffenbrüderschaft – daran erinnern sich noch immer ältere Türken.

image003

Als wir Kalidbahir verlassen, weist ein Schild auf die „Namazgah-Schanze“ hin. Oberhalb dieser Anlage aus Kasematten und Depots sind die Batteriestellungen von 1915 zu sehen. Man sollte unbedingt die Böschung hinaufgehen, um sie zu besichtigen. Dort stehen noch die schweren Geschütze, ihre Bedienungsmannschaft ist im Bronzeguss originalgetreu nachgebildet.
Vor mir klettern drei junge türkische Familienväter auf der Geschützstellung herum. Ihre Frauen und Kinder sitzen im Schatten und warten geduldig. Die Männer können sich nicht satt sehen an dem schweren Geschützlauf. Immer wieder imitieren sie die Abschussexplosion, als fühlten sie sich selbst als Kanoniere.

Zweifellos ist das hier auch wirklich eine originale Begegnung mit der Geschichte. Kein Buch kann das Erlebnis vermitteln, hinter einem Original- Geschütz mit Schussrichtung Dardanellen-Straße zu stehen. Hat hier vielleicht ein Großvater von ihnen auf den Feind gefeuert? Als sie die Stellung verlassen, fragen sie mich höflich: „deutsch?“. Als ich bejahe, deutet einer auf die Kanone und sagt „Krupp“. Also doch deutsch-türkische Waffenbrüderschaft.

image020
Unten am Wasser steht das Denkmal von „Unteroffizier Seyid“ und es gilt allgemein als die Erinnerung an den unbekannten türkischen Kanonier. Der Soldat schleppt eine Granate. Die Legende erzählt, dass er als Einziger in seiner Stellung einen feindlichen Treffer überlebte. Als er nach dem Einschlag wieder zu sich kam, bemerkte er, dass sein Geschütz noch feuerbereit war. Er dachte an seine toten Kameraden und an seine Pflicht als Soldat. Er schleppte eine 215 kg schwere Granate auf die Abschussrampe, lud das Geschütz und zielte auf ein britisches Kriegsschiff. Sein Schuss traf die Munitionskammer. Das Schiff sank in wenigen Minuten.

image005
Kriege erzeugen immer und überall Geschichten von Heldentum aber auch von großer Menschlichkeit. Sie werden weitererzählt und dabei verändert. Auch das große Sterben auf Gallipoli hat auf beiden Seiten Legenden entstehen lassen. Auf unserer Erkundung von Gallipoli hören wir viele beeindruckende Kriegsgeschichten. Ob sie alle wahr sind, wollen wir gern glauben.
Auf dem Weg zum größten Denkmal für die gefallenen türkischen Soldaten im Süden der Insel, kommen wir an vielen kleineren türkischen Friedhöfen vorbei. Sie liegen oft versteckt und still inmitten mediterraner Vegetation. Hier entsteht der menschlichere Kontakt zu den toten Mehmets und Alis. Man erfährt das Alter und den Geburtsort – und die große Stille ebnet den Weg zu den Toten. Wenn ich die Namen lese, stelle ich mir immer vor, wie der Soldat „gefallen“ ist. Wer den Krieg kennt, weiß, wie ein Graben aussieht, den eine Artilleriesalve getroffen hat. So hoffe ich, dass die Vorstellungskraft der Mütter und Ehefrauen der Getöteten für dieses grauenvolle Sterben begrenzt ist. Über 30% der Gefallenen konnten nicht mehr identifiziert werden.

image010
Alle Schiffe, die über die Meerenge der Dardanellen ihren Weg ins Marmarameer und später ins Schwarze Meer nehmen, passieren das 42 m hohe Denkmal „Cannakale Şehitler Abidesi“ im Süden der Insel. Es ist ein imponierender, tischähnlicher Bau mit einer modernen Friedhofsanlage, bei der die Grabstelen aus Glas sind. Besonders eindrucksvoll ist ein Relief mit Szenen aus dem Kampfgeschehen, in deren Mitte Kemal Pascha (Atatürk) abgebildet ist. Er wurde in den Kämpfen als mutiger und konsequenter Divisionskommandant bekannt, der niemals zurückwich.
Jeder Türke kennt seinen inzwischen historischen Befehl. Als den Soldaten seines Abschnittes die Munition ausging, forderte er sie auf, die Bajonette aufzupflanzen und befahl:
Ich befehle Euch nicht, anzugreifen. Ich befehle Euch zu sterben!

image008

Simulation des Kriegsgeschehens in 3-D
Das neue Dokumentationszentrum über die Gallipoli-Schlacht in Kanatepe wurde gerade eröffnet und erinnert in seiner modernen Architektur an einen Gehry-Bau. Die Einrichtung vermittelt durch modernste 3-D –Technik das hautnahe Erleben des Kriegsgeschehens. Die Zuschauer gehen in Gruppen durch 11 Kinosäle und erhalten 3-D-Brillen. Wir wurden von einem deutsch sprechenden Angestellten überaus freundlich betreut und mit einem Headset für „Deutsch“ ausgestattet. Und dann ging es los. Nach der Erklärung der Bündnissysteme im Ersten Weltkrieg, tritt der Zuschauer direkt ins Kriegsgeschehen ein. Wir erleben in 3-D-Technik aus der Position der Verteidiger den Angriff der alliierten Schiffsartillerie. Der Geschützturm des britischen Schlachtschiffes dreht sich direkt auf uns zu – und schießt. Wir halten uns die Ohren zu, als die Salve abgefeuert wird.

Der Boden wackelt unter unseren Füßen. Feuerschein erhellt die Szene, Soldaten fliegen durch die Luft. Einige türkische Frauen in der Zuschauergruppe schreien vor Angst. Und dann geht es auch schon weiter: Grabenkrieg und Bajonettkampf. Und immer wieder sterbende Soldaten auf beiden Seiten. Als wir am Ende im letzten Saal einen hymnischen Text auf die moderne Türkei von heute hören, sind wir beinahe erleichtert. Die türkischen Besucher sind sichtlich berührt und bedanken sich mit langem Applaus.

image035

Wir stehen wenig später vor einem Denkmal, das einen türkischen Soldaten zeigt, der einen verwundeten Australier aus der Kampfzone trägt.
Es ist die bekannte Episode vom Sergeanten Mehmet, der stellvertretend für viele inmitten der Hölle des Krieges Menschlichkeit zeigt. Dass es trotz des Infernos dieses Krieges diese „versöhnenden Gesten“gibt, wird von ATATÜRK, dem Staatsgründer der modernen Türkei, in einer Trauerfeier 1934 auf Gallipoli für alle Gefallenen so formuliert:

„Diese Helden, die ihr Blut vergossen und ihr Leben ließen … nun liegt ihr in dem Boden eines freundlichen Landes. Darum ruhet in Frieden. Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets, dort wo sie Seite an Seite in diesem unseren Lande liegen … Ihr, die Mütter, die ihre Söhne aus weit entlegenen Ländern schickten, wischt weg Eure Tränen.
Eure Söhne liegen nun an unserer Brust und sind im Frieden. Ihr Leben in diesem Land verloren zu haben, macht sie genauso zu unseren Söhnen.“

Die Zahl der Gefallenen wird insgesamt auf 500 000 geschätzt.

Text: Mike Wilutzki
Fotos: Helga und Mike Wilutzki
image009


Ihnen gefällt der Artikel? Dann registrieren Sie sich bitte und unterstützen Sie unsere Arbeit!  Loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich hier:

Ich möchte das TÜRKIS MAGAZIN abonnieren


 

Ihnen gefällt der Artikel? Dann registrieren Sie sich bitte und unterstützen Sie unsere Arbeit!  Loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich hier:

Ich möchte das TÜRKIS MAGAZIN abonnieren