Alanya im Ausnahmezustand – Überflutungen, Erdrutsche und Wasserfälle

In 40 Tagen soviel Regen wie im gesamten letzten Jahr

Die Veröffentlichung dieser Zusammenfassung erfolgt mit einiger Verzögerung, da wir als Redaktion diesmal selbst unmittelbar betroffen waren. Aufgrund der akuten Gefahrenlage mussten wir unser Haus zeitweise verlassen. Glücklicherweise sind die Sachschäden an unserem Gebäude überschaubar geblieben, doch die Intensität der Ereignisse hat tiefe Spuren hinterlassen. Erst jetzt, mit der nötigen Distanz, können wir die Fakten der vergangenen Tage zusammenführen.

Die meteorologische Bilanz

Die ersten 40 Tage des Jahres 2026 markieren für die Provinz Antalya eine klimatische Extremsituation. Die Niederschlagsmenge hat bereits jetzt das Niveau des gesamten Vorjahres erreicht. Während 2025 mit rund 550 kg/m² ein extrem trockenes Jahr war, wurde dieser Wert im Jahr 2026 bereits Mitte Februar überschritten. Allein in der vergangenen Woche (09.02.–13.02.) fielen in Alanya lokal ca. 150 Liter pro Quadratmeter – die statistische Menge eines kompletten Monats innerhalb von fünf Tagen.

Die Lage am Dimçay: Reguliertes Risiko

Anders als die unkontrollierten Karstquellen oberhalb von Oba unterliegt der Dimçay der technischen Steuerung durch den Staudamm. Um den Druck der Zuflüsse aus den Bergen zu bewältigen, müssen die Behörden kontrolliert Wasser ablassen.

Dies führte dazu, dass der Pegel flussabwärts auch ohne lokalen Regen massiv angestiegen ist. In Kestel und Tosmur führt der hohe Grundwasserspiegel zu Überflutungen in Kellern und Tiefgaragen. Die tiefergelegenen Plattformen der Picknick-Restaurants stehen teilweise unter Wasser; eine Schadensaufnahme oder Instandsetzung ist hier aufgrund der Strömungsgeschwindigkeit derzeit nicht möglich. In den unteren Lagen wurden in der Nacht von Donnerstag auf Freitag Anwohner in Erdgeschoss und 1. Stock vorsorglich evakuiert.

  • Kontrollierte Wasserabgabe: Um den enormen Druck der Zuflüsse aus den Bergen abzufangen, müssen die Behörden kontrolliert Wasser aus dem Staudamm in das Flussbett ablassen. Dies führt dazu, dass der Pegel des Dimçay auch ohne unmittelbaren Regen vor Ort massiv ansteigen kann.

  • Gefahr für Picknick-Restaurants: Die tiefergelegenen Plattformen und Gastbereiche der zahlreichen Restaurants entlang des Flusses stehen teilweise unter Wasser oder wurden durch die Strömung bereits beschädigt. Betreiber sind derzeit damit beschäftigt, bewegliches Inventar zu sichern – eine dauerhafte Instandsetzung ist auch hier erst nach Sinken des Pegels möglich.

  • Wohngebiete und Infrastruktur: In den flussnahen Gebieten von Kestel und Tosmur führt der hohe Grundwasserspiegel dazu, dass Keller und Tiefgaragen vollaufen. Die Brückenbereiche werden intensiv überwacht, da mitgeführtes Treibgut und Baumstämme die Pfeiler beschädigen oder zu Rückstauungen führen könnten.

Warum „Aufräumen“ noch warten muss

Es ist wichtig zu verstehen, dass echte Aufräumarbeiten oder Reparaturen momentan ausgeschlossen sind. Solange der Wasserdruck im Berg nicht nachlässt und die Böden vollständig gesättigt sind, bleibt die Lage dynamisch.

In Hanglagen wie Küçükhasbahçe sind die Erdmassen weiterhin in Bewegung. Jede voreilige Instandsetzung an unterspülten Straßen könnte die Statik der Hänge zusätzlich gefährden. Die kommunalen Teams konzentrieren sich derzeit ausschließlich auf die Sicherung kritischer Infrastruktur und das Freihalten der Abflusskanäle für die nächste angekündigte Regenfront am Dienstag.

Sicherheitshinweise

Fahrten in die Yayla-Dörfer (besonders Richtung Oba-Alacami und die Bergregionen von Mahmutlar/Gazipaşa) sollten unbedingt unterbleiben. Es besteht akute Gefahr durch:

  • Erdrutsche und Hangabgänge

  • Steinschlag durch Frost-Tau-Wechsel

  • Unsichtbare Unterspülungen der Fahrbahnen

Aufgrund der akuten Gefahr von Erdrutschen und Fahrbahnabsackungen haben die lokalen Behörden sowie die Forstverwaltung (Orman İşletme Müdürlüğü) Einschränkungen für den Verkehr in die höher gelegenen Gebiete erlassen.

Region Mahmutlar/Gazipaşa Yaylas: Die Zufahrtswege zu den höher gelegenen Siedlungen sind stellenweise durch Geröllabgänge blockiert. Schwere Maschinen sind im Einsatz, um die Hauptachsen freizuhalten, dennoch wird von nicht notwendigen Fahrten abgeraten.

Oba-Alacami-Değirmendere: In den engen Kurvenbereichen oberhalb von Değirmendere wurden erste Risse im Asphalt gemeldet, die auf Unterspülungen hindeuten. Der Bereich um Kadıpınar sollte aufgrund der unvorhersehbaren Wassermassen und der Gefahr herabstürzender Steine großräumig gemieden werden.

Küçükhasbahçe: In den Hanglagen oberhalb des Stadtzentrums bleibt die Situation aufgrund der instabilen Bodenbeschaffenheit angespannt. AFAD-Teams überwachen die betroffenen Zonen kontinuierlich. Mehrere Häuser wurden aufgrund der Gefährdung evakuiert.

Die Lage wird sich erst stabilisieren, wenn eine längere Trockenperiode das Entwässern der Bergsysteme ermöglicht und die Böden abtrocknen können.

Das Naturphänomen bei Değirmendere

Ein markantes Schauspiel lässt sich derzeit oberhalb von Değirmendere im Bereich Kadıpınar beobachten. Die massiven Regenfälle haben das hydrogeologische Innenleben des Küstengebirges an seine Belastungsgrenze gebracht.

Das Taurusgebirge fungiert in dieser Region wie ein massiver, poröser Schwamm aus Kalkstein. In seinem Inneren existiert ein komplexes System aus vertikalen Schächten und unterirdischen Hohlräumen. Wenn diese natürlichen Reservoirs durch anhaltende Niederschläge vollständig gesättigt sind, entsteht ein hydraulischer Druck, der das Wasser durch natürliche Austrittsstellen nach außen presst. Die Folge sind die temporären Wasserfälle bei Kadıpınar, die ausschließlich bei derart extremen Wetterlagen auftreten und wieder versiegen, sobald der interne Wasserspiegel im Berg sinkt.

Fazit für Anwohner

Die Kombination aus gesättigten Böden, dem Überlauf der Karstquellen und der notwendigen Wasserabgabe des Staudamms schafft eine komplexe Gefahrenlage. Es wird dringend davon abgeraten, sich in unmittelbarer Nähe des Flussufers aufzuhalten, da die Strömungsgeschwindigkeit und der Pegelstand des Dimçay aufgrund der Dammregulierung innerhalb kürzester Zeit stark schwanken können.

Nächste Regenfront: Da für Dienstag bereits neue Niederschläge angekündigt sind, würden voreilige Reparaturversuche lediglich neue Angriffsflächen für Erosion bieten.

Provinz Antalya und Nachbarregionen

Die aktuelle Wetterfront hat nicht nur Alanya, sondern die gesamte West- und Zentralregion der türkischen Mittelmeerküste sowie das Hinterland massiv getroffen. Die Sättigung der Böden ist ein überregionales Problem, das zu einer gefährlichen Kumulation von Abflüssen führt.

Provinz Antalya (Westen und Zentrum)

  • Antalya-Stadt und Kepez: In den zentralen Bezirken wurden punktuell Niederschlagswerte erreicht, die zu einer kompletten Überlastung der städtischen Kanalisation führten. In Kepez fielen innerhalb von 24 Stunden Mengen, die normalerweise einem halben Monat entsprechen. Unterführungen mussten gesperrt werden, da die Pumpanlagen gegen die Wassermassen nicht mehr ankamen.

  • Kumluca und Finike: Diese für den Gemüseanbau kritischen Regionen meldeten massive Sturmschäden und lokale Tornados. Die Regenmengen führten hier zu einer gefährlichen Kombination aus Oberflächenwasser und dem Übertreten kleinerer Küstenflüsse, was hunderte Hektar Treibhäuser unter Wasser setzte.

  • Serik und Manavgat: Ähnlich wie am Dimçay in Alanya mussten hier die Durchflussmengen an den großen Flussläufen technisch reguliert werden. Die Wassermassen aus dem Taurusgebirge drückten mit solcher Gewalt Richtung Küste, dass landwirtschaftliche Flächen in den Mündungsgebieten großflächig überschwemmt wurden.

Nachbarprovinzen und Hinterland

  • Muğla (Westen): Auch in den westlich angrenzenden Regionen um Fethiye und Marmaris wurden Rekordniederschläge verzeichnet. Hier liegt das Hauptproblem in der Erosion der Steilküsten und Straßensperrungen auf der Küstenstraße Richtung Antalya.

  • Burdur und Isparta (Norden): Im Hinterland fiel der Niederschlag in den höheren Lagen teils als schwerer Nassschnee, der bei den leicht steigenden Temperaturen sofort schmolz und die Zuflüsse in die Stauseen von Antalya zusätzlich anschwellen ließ. Die Böden im Hochland können kein weiteres Wasser mehr aufnehmen, was die Hochwassergefahr an der Küste zeitverzögert weiter verschärft.

  • Mersin (Osten): Die Ausläufer der Front erreichten auch die östliche Nachbarprovinz. Hier konzentrierten sich die Schäden vor allem auf die Infrastruktur im Küstenbereich durch starken Wellengang und heftige Gewitterzellen.

Zusammenfassende Daten der Region (Februar-Woche)

Region Niederschlagsmenge (geschätzt) Hauptproblem
Antalya Stadt ca. 110–130 l/m² Städtische Überflutungen, Verkehrserliegen
Kumluca/Finike ca. 140 l/m² Zerstörung von Gewächshäusern, Ernteausfall
Isparta/Burdur ca. 90 l/m² (Regen/Schneeschmelze) Erhöhter Zufluss in die Küstengewässer
Muğla ca. 120 l/m² Erdrutsche, Unterbrechung der Fernstraßen

Prognose für die gesamte Region

Da die Regenfront von Westen nach Osten zieht und am Dienstag eine neue Welle erwartet wird, bleibt die Warnstufe für das gesamte Taurus-Massiv bestehen. Die Gefahr von Schlammlawinen und Sturzfluten (Flash Floods) in den Canyons ist in der gesamten Provinz Antalya derzeit auf einem kritischen Maximum.

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