Blut ist kein politisches Kapital und Gewalt im TV kein Stilmittel

Der Amoklauf von Siverek wirft ein Schalglicht auf die Probleme der türkischen Gesellschaft

Wenn wir über Siverek, über Schrotflinten und über Sicherheitsdetektoren an Schulen sprechen, kratzen wir lediglich an der Oberfläche. Die eigentliche Wurzel der Misere liegt tiefer: in der Kinderstube, in der Sprache innerhalb der Familie und in einem Erziehungsmodell, das besonders Söhne systematisch auf ein Podest hebt, von dem sie später nur tief fallen können.

 In der Türkei neigen politische Akteure aller Seiten dazu, Tragödien binnen Stunden für die eigene Agenda zu kapern – sei es zur Diffamierung des Gegners, zur Forderung nach populistischen Sicherheitsgesetzen oder zur ideologischen Brandmarkung ganzer Bevölkerungsgruppen.

Wer Siverek instrumentalisiert, entwertet das Leid der Opfer. Die Debatte, die wir jetzt führen müssen, muss sich strikt an den Fakten orientieren: Es geht um die fatale Verfügbarkeit von Schusswaffen, um den eklatanten Mangel an professionellem Sicherheitspersonal an staatlichen Schulen und um ein gesellschaftliches Klima, in dem Gewalt zunehmend als legitimes Mittel der Konfliktlösung erscheint.

Besonders kritisch ist der Einfluss der populären TV-Serien (Dizis). In den meistgesehenen Produktionen zur Primetime werden oft maskuline Gewaltmuster und Mafia-Strukturen romantisiert. So gut wie keine Serie, nicht einmal Familienserien oder Komödien, kommt ohne Pistolen, Messer oder zumindest Ohrfeigen – vornehmlich gegen vermeintlich „Untergebene“, Frauen und Kinder, aber auch gegen „unbotmässige“ Söhne aus.

Die staatliche Rundfunkaufsicht RTÜK geht zwar rigoros gegen die Darstellung von Alkohol, Tabak oder LGBTQ-Themen vor, lässt aber exzessive Gewaltorgien in Mafia-Serien oft weitgehend ungeahndet. Dies sendet ein fatales Signal: Gewalt ist im öffentlichen Raum akzeptabler als Diversität oder der Konsum von Genussmitteln.

Abgesehen von den – für „Deutsches Empfinden“ extrem brutalen Serien ist ein weiteres Problem in den Familien, in der Erziehung zu beobachten: In weiten Teilen der Gesellschaft herrscht noch immer das Bild des „Aslan oğlum“ (mein Löwen-Sohn) vor. Söhne werden oft bis zum Ende der Grundschulzeit wie kleine Monarchen behandelt. Sie werden bedient, hofiert und von jeglicher häuslichen Verantwortung freigestellt, während Töchter früh zur Empathie und Mitarbeit erzogen werden. Einem Jungen wird selten ein „Nein“ entgegengesetzt, das seine vermeintliche Omnipotenz einschränkt. Er lernt nicht, Frustration auszuhalten oder Grenzen zu akzeptieren – er lernt, dass ihm die Welt zu Diensten zu stehen hat. Diese künstliche Blase platzt spätestens mit dem Übergang in die weiterführenden Schulen – insbesondere wenn es sich um private (und oft teure) Kaderschmieden handelt.

Plötzlich ist der „Prinz“ einer von vielen. Die bedingungslose Bewunderung der Familie weicht einem immensen Leistungsdruck. Von denselben Eltern, die ihn zuvor kritiklos bedient haben, wird nun akademischer Erfolg und gesellschaftlicher Aufstieg gefordert.  Wer nie gelernt hat, mit Niederlagen umzugehen, reagiert auf diesen Druck oft mit Aggression.

Flankiert wird diese Fehlentwicklung von einer Sprache, die Gewalt normalisiert. „Gewalt in der Sprache“ bedeutet nicht nur offene Beleidigungen. Es ist die aggressive Rhetorik, die als „Männlichkeit“ missverstanden wird. Wenn Konflikte am Küchentisch durch Schreien, Drohungen oder emotionale Erpressung gelöst werden, internalisiert das Kind dies als einzig wirksames Kommunikationsmodell. Wer zu Hause erlebt, dass der Lautere gewinnt, wird in der Schule nicht zum Diplomaten.

Die türkische Gesellschaft zieht eine Generation von jungen Männern heran, die in der Familie keine Grenzen erfahren und in der Gesellschaft keine Ventile für ihren Frust finden. Wenn dann noch eine mediale Welt hinzukommt, die das Tragen einer Waffe als Lösung für Ehrverletzungen glorifiziert, ist der Weg zum Amoklauf oder zur Messerattacke vorgezeichnet.

Ein strengeres Waffenrecht und Polizisten vor den Schulen sind notwendige Reaktionen auf die Symptome. Doch die Heilung muss in den Familien beginnen. Wir müssen aufhören, unsere Söhne durch maßlose Privilegierung beziehungsunfähig zu machen. Wahre Stärke zeigt sich nicht im Beherrschen anderer, sondern in der Beherrschung der eigenen Impulse. Solange wir das nicht vermitteln, werden die Schulen in der Türkei Schauplätze einer Gewalt bleiben, die wir selbst gesät haben.

[Martina Yaman]

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

Verified by MonsterInsights