KAHRAMANMARAŞ – Nur einen Tag nach dem Amoklauf an einer Oberschule in Siverek/Şanlıurfa mit 16 Verletzten und einem Toten (dem Täter) ereignete sich am 15. April 2026 an der Ayser-Çalık-Mittelschule im Bezirk Onikişubat in Kahramanmaraş ein weiterer schwerer bewaffneter Übergriff. Nach der Tat, die mehrere Todesopfer forderte, wurden beide Elternteile der tatverdächtigen Person festgenommen. In Mersin wurde am selben Tag ein Schüler am Betreten seiner Schule mit einer scharfen Waffe gestoppt. Diese Vorfälle lösen heftige Diskussionen in der Türkei aus, vor allem weil sogenannte Schulmassaker bisher unbekannt waren.
Was war geschehen? Gegen 13:30 Uhr Ortszeit drang die 14-jährige tatverdächtige Person, İ.A.M., Achtklässler, mit mehreren Schusswaffen in das Schulgebäude ein. Offiziellen Angaben des Gouverneuramtes zufolge eröffnete die Person in zwei Klassenzimmern der fünften Jahrgangsstufe das Feuer. (Hinweis der Redaktion: Derzeit ist die Nachrichtenlage unklar, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Einige Medien schreiben, die Person sei 16 Jahre alt.) Die Person soll gezielt die fünften Klassen aufgesucht haben.
Bei dem Angriff kamen mehrere Menschen ums Leben, darunter Schüler und eine Lehrkraft, die versucht haben soll, die tatverdächtige Person zu stoppen. 13 weitere Personen wurden verletzt und in umliegende Krankenhäuser transportiert. Die tatverdächtige Person verstarb noch am Tatort; die Ermittler gehen von einem Suizid aus. Nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA musste der Leichnam mit einem gepanzerten Polizeifahrzeug aus der Schule gebracht werden, da eine aufgebrachte Menschenmenge versuchte, das Fahrzeug zu stoppen.
Nach Angaben von Gouverneur Mükerrem Ünlüer wurden im Rucksack der Person fünf Pistolen und sieben Magazine sichergestellt. Von den 13 Verletzten befinden sich laut dem Gesundheitsministerium noch immer vier Kinder in einem kritischen Zustand. Zwei von ihnen wurden nach mehrstündigen Notoperationen auf die Intensivstation verlegt. Die behandelnden Ärzte sprechen von „schwersten Schussverletzungen“.
Hinsichtlich der genauen Opferzahl bleibt die Nachrichtenlage auch am Abend angespannt und widersprüchlich. Während das Gouverneursamt in seinen offiziellen Statements zunächst den Tod von vier Personen – drei Schülern und einer Lehrkraft – bestätigte, berichten große nationale Medien wie Milliyet und Haberler mittlerweile übereinstimmend von insgesamt neun Todesopfern. Diese Abweichung deutet darauf hin, dass weitere Schwerverletzte ihren Wunden erlegen sein könnten oder die Meldungen aus den Kliniken die offiziellen Verlautbarungen der Behörden bereits überholt haben.
Festnahmen im familiären Umfeld
Unmittelbar nach der Tat nahmen die Sicherheitsbehörden den Vater, U.M., fest. Er ist als Erster Polizeichef und Polizeihauptinspektor tätig. Am Mittwochabend wurde zudem die Mutter festgenommen, die als Lehrerin für Türkische Sprache und Literatur an einem örtlichen Gymnasium arbeitet. Die Staatsanwaltschaft untersucht derzeit die Herkunft der Waffen sowie eine mögliche Verletzung der Aufsichtspflicht.
Neue Berichte konkretisieren den Grund für die Inhaftierung der Mutter. Die Staatsanwaltschaft prüft nicht nur eine allgemeine Verletzung der Aufsichtspflicht, sondern auch, ob es im Vorfeld Warnsignale gab, die ignoriert wurden. Mitschüler der tatverdächtigen Person İ.A.M. gaben in ersten Befragungen an, dass es in den letzten Tagen zu auffälligen Verhaltensänderungen gekommen sei. Die Ermittler untersuchen nun die Mobiltelefone und Computer der Familie, um festzustellen, ob die Tat in sozialen Medien oder Foren angekündigt wurde.
Ein bemerkenswerter Randaspekt betrifft den gestrigen Täter aus Siverek (Şanlıurfa). Wie lokale Medien berichten, wurde der 17-jährige Angreifer heute am späten Nachmittag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit beigesetzt. Die Familie des Jungen hat den Ort Berichten zufolge unmittelbar nach der Bestattung verlassen und ist an einen unbekannten Ort geflüchtet, vermutlich aus Angst vor Racheakten der betroffenen Familien.
Schweigeminute und Schulschließungen Das Bildungsministerium (MEB) hat für den morgigen Donnerstag landesweit eine Schweigeminute an allen Schulen angeordnet. Zudem wurde eine Delegation von Psychologen und Kriseninterventionsteams nach Kahramanmaraş entsandt, um die überlebenden Kinder der betroffenen 5. Klassen sowie das Lehrerkollegium zu betreuen. Als Reaktion auf die Vorfälle wurde der Unterricht in Kahramanmaraş für zwei Tage und in Siverek für vier Tage ausgesetzt.
Innenminister Ali Yerlikaya kündigte zudem eine „radikale Überprüfung“ der Bestimmungen zur Aufbewahrung von Privatwaffen für Angehörige der Sicherheitskräfte an. Der Vorfall in Kahramanmaraş steht zeitlich in einer Reihe mit weiteren Ereignissen: Am 14. April wurden in Siverek (Şanlıurfa) 16 Menschen bei einem Angriff mit einer Schrotflinte verletzt. Am Morgen des 15. April verhinderte die Polizei in Tarsus (Mersin) einen weiteren Vorfall, als ein Schüler mit einer geladenen Waffe im Rucksack aufgegriffen wurde.
Als unmittelbare Reaktion auf die Gewaltakte wurde in Kahramanmaraş der Unterricht für zwei Tage ausgesetzt. In Şanlıurfa ruht der Schulbetrieb sogar für vier Tage. Die Behörden hoffen, durch diese Zwangspause eine weitere Eskalation durch mögliche Nachahmungstäter zu verhindern und den traumatisierten Schülern und Lehrern erste psychologische Unterstützung anbieten zu können.
Kommentar: Ein System am Belastungslimit
Von Martina Yaman
Hinter den nüchternen Zahlen der Polizeiberichte verbirgt sich eine gesellschaftliche Realität, die wir nicht länger ignorieren dürfen. Dass ein 14-jähriges Kind die Waffen der Eltern entwendet, um auf Zehnjährige zu schießen, ist kein isoliertes kriminelles Ereignis. Es ist der radikale Ausdruck einer tiefgreifenden Überforderung.
Wir befinden uns im April. Für hunderttausende Achtklässler bedeutet das: Der Countdown für die LGS-Prüfung läuft. Im türkischen Bildungssystem ist dieser Test keine bloße Leistungsabfrage, sondern eine existenzielle Weichenstellung, die über die gesamte weitere Biografie entscheidet. Ich habe diese Belastung bei meinen Kindern zweimal mitgemacht und weiß, dass es eine echte Zerreißprobe für Familien und vor allem für Kinderseelen ist. Ausserhalb der Türkei kann sich niemand wirklich vorstellen, wie es ist, wenn Vierzehnjährige an einem einzigen Tag die Weichen für ihre weitere Schullaufbahn stellen müssen, oft unbarmherzig gepiesackt von Eltern, die ihre eigenen Träume vom Doktor, Anwalt oder Zahnarzt – oder wenigsten Lehrer oder Ingenieur – auf die Kinder übertragen. Egal welche Träume ein Kind hat – das Ziel ist fast immer das FEN Lisesi (Naturwissenschaftliche Oberschule), oder wenigstens das Anadolu Lisesi mit sprachlichem Schwerpunkt. Wer das nicht schafft (oder zumindest auf eine Künstlerische oder Sport-Oberschule möchte) gilt von vorneherein als aussortiert und Versager.
Dieser immense Druck trifft in Kahramanmaraş auf eine Jugend, die ohnehin die Traumata der Erdbebenkatastrophe von 2023 in sich trägt, sehr oft sind hier innere Wunden völlig unbeachtet geblieben. Wenn Leistungszwang auf eine fehlende psychologische Auffangstruktur trifft, entstehen gefährliche Sackgassen.
Es greift zu kurz, nur über Metalldetektoren an Schultoren zu diskutieren. Wenn ein hochrangiger Polizist und eine Pädagogin nicht bemerken, dass ihr Kind ein Waffenarsenal in die Schule trägt, müssen wir über die emotionale Erreichbarkeit in unseren Familien sprechen. Und wir müssen fragen, ob ein System, das Kinder primär über Prüfungsergebnisse definiert, nicht zwangsläufig Verlierer produziert, die am Ende keinen anderen Ausweg mehr sehen als die totale Eskalation. Diese Woche war ein Warnsignal, das wir als Gesellschaft nicht durch bloßes Verschärfen von Sicherheitsregeln überhören dürfen.
Es ist zudem bezeichnend, dass die politische Reaktion nun reflexartig jenen Mustern folgt, die wir auch aus Debatten in Deutschland kennen: Die Forderung nach Verboten von sogenannten „Gewaltspielen“ wird laut, und soziale Medien werden zum pauschalen Sündenbock erklärt. Es entbehrt jedoch nicht einer gewissen Tragikomik, dass die allgegenwärtige Aggression im Fernsehen dabei völlig unthematisiert bleibt. Während sich dort ältliche Moderatoren in Talkshows und Nachrichtensendungen gegenseitig anbrüllen und lautstark übertönen, scheint die kulturelle Akzeptanz für diese Form der verbalen Gewalt unantastbar. Man sucht die Schuld im Digitalen, während man die tägliche Dosis Aggression und den Mangel an Diskurskultur im klassischen Fernsehen als Normalität konsumiert. Ein System, das Jugendlichen keine Vorbilder für Besonnenheit bietet, sollte sich nicht wundern, wenn deren Frustration sich in Gewalt entlädt.

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