Izmir und Griechenland

Stippvisite beim Nachbarn

Land und Leute befinden sich meistens nicht in der Luft. Wir sitzen im Pamukkale-Luxusbus – zwei Reihen auf der einen, eine weitere auf der anderen Seite. Trotzdem sitzt man die runden zehn Stunden trotz Pausen nicht auf einer Backe ab. Es braucht dazu schon alle vier Buchstaben. Die Vielfachstrecke Alanya-Antalya gibt nicht viel hier an Erzählungswertem. Nur in Okurcular schauen wir kurz auf, denn hier geht es rechts ab nach Alarahan – schööön! Später noch unser Dauergrinsen bei der Vorbeifahrt an Yavrudoğan. So heißt das Dorf wirklich – übersetzt mit kleiner niedlicher Doğan = Falke…

Dann kommt ziemlich rasch nach Antalya das Städtchen namens Korkuteli – K-o-r-k-u-t-e-l-i! Es hängt mir nach, denn vor Jahren sangen wir nicht: Theo, wir fahrn nach Lodz, sondern Luise wir fahrn nach …. Es soll dort soooo schön sein.
An diesem Sonntag waren die Bürgersteige hochgeklappt. Ein einsame Eczane war geöffnet. Der Apotheker unterbrach seine Expedition mit dem rechten Finger in seine Nasennebenhöhlen. Ein Kaff mal eben zur Oase zu machen dürfte selbst dem Erbauer der Welten nicht leicht werden.
Der Bus fährt, Allah sei Dank, um Korku herum – auf einer neu geschaffenen komfortablen Umgehungsstraße.
Die Hochebene im Taurus, fruchtbares Land für Obst, für Wein, für Baumwolle, für Kohl. Die abgeernteten Felder zeigen dort, wo schon umgebrochen, tiefschwarze fette Muttererde.

In Gruppen stehen Pappeln zusammen, als wenn sie sich eine Pause vom UNsicherheitsrat der Vereinten Nationen gönnen. Mit dem Unterschied, dass sie unbeschriebene Blätter unter sich lassen. Hin und wieder ein Hauch von indian summer dazwischen – Lichtblicke.
Eines langen Reisetages freundlicher Abend im Minihotel Izmir, schön, freundlich, hilfsbereit.
Dort hin hilft uns Uğur. Uğur, der in Berlin Geborene, dann von seinen Eltern heim in die Türkei Diskutierte, lebt jetzt als Kaufmann in Girne auf Kibris, der Insel Zypern.

Akzentfreies Hochdeutsch: wo wollt ihr hin, kann ich helfen – einmal mehr die Freundlichkeit der Türken und ihre tätige Hilfsbereitschaft. Uğur, auf dem Weg zum Flughafen, unterbricht, bringt uns mit der U-Bahn in die richtige Richtung, fährt mit. ın Izmir ist heute wieder Demonstration, kein Bus, keine Taxe quert den Hauptplatz. Bitte sagt den Namen nicht laut, aber der da aus Ankara will sich Izmir kaufen, wie er sich Istanbul gekauft hat, will es nach seinem Willen umformen. Aber die Menschen in Izmir sind nicht mehr so folgsam und untertänig, wie erwartet. Sie wehren sich.
Ihr müsst durch unseren kültür parkı bis nach Montrö gehen. Montrö, nicht Montreux. Nach Montrö führt ein auf Tartanbahn gemachter Betonrundkurs. Jogger, und solche, die es noch werden wollen, und solche, welche versuchen, den Botonboden zu durchlöchern – Flurschadentreter eben…. Wollen wir auch joggen; meine liebe Frau insistiert. Ich wehre ab: wenn wir mal alt sind, ziehen wir uns gegenseitig die fleischfarbenen Stützstrümpfe über, diskutieren die Füße in die Gesundheitsschuhe – und gehen mit unseren GPS-gelenkten High tec Rollatoren auf die Piste – aber doch nicht schon heute.
image001Izmir atmet uns ein, das feine, wie das weniger feine Izmir.
Ein Riesenrad ist eine der Möglichkeiten, Izmir aus einer höheren Perspektive wahrzunehmen. Es zerreißt mir zwar das Herze, aber an der Kasse muss ich einen Zweihundertliraschein wechseln. Weltmännisch will ich das Rückgeld zusammengefaltet in die Tascher stecken. Die warme Rechte meiner Frau: – zähle bitte noch mal nach. Zack zack, geschehen. Jetzt lass den Kassierer doch auch noch einmal nachzählen. Stillschweigend legt er den unterschlagenen Zehnliraschein wieder dazu.
Izmir nimmt uns auf, präsentiert sich in ganzer Schönheit, seinem Flair, fast noch schöner als in Istanbul. Wir genießen diese Stadt so sehr durchqueren die feinen und die weniger feinen Ecken. Zwei Tage Izmir, ein Appetithappen. Aufbruch. Im Bus gibt es keine Kasse, die Ablesmaschine mag nur die Izmir-Kentcard, unsere Alanyakard verschmäht sie.

Kein Problem, der Fahrer setzt uns hinter sich. Mehr als eine Stunde Extrastadtrundfahrt zum Busbahnhof. Meine liebe Frau Luise fragt, wo wir denn nun bezahlen sollen. Ein Griff zum Herzen, zu seinem, nicht zu dem meiner Frau, betrachtet es als Gastgeschenk der Stadt Izmir. Türkisch. Bei diesem freundlichen Brauch hier im Lande bedanke ich mich mit der gleichen Geste, fasse allerdings zweimal zu – immerhin wohnen zwei Herzen in meiner Brust, die alte müde Pumpe und ihr junger Helfer, der Schridde. Doppelherz, dingdong. Der freundliche Uğur empfiehlt uns noch dringend, nur ja die Stadt Urla nicht zu vergessen. In Urla ist so richtig was los, der Tag vor dem Nationalfeiertag wird schon begangen. Der Gründer der modernen Türkei steht hoch über seinen Soldaten auf – einer Weltkugel. Bescheidenheit ist eine Zier. Die Soldaten im Riesenrelief von oben bis unten mit Tausenden von Nelken verziert. Türken und Türkinnen lassen sich da vor in Habachtstellung ablichten.
image077Als die Notabeln sich im Passat mit goldenem Nummernschild davon machen, wagen wir es, bei der Belediye, dem Rathaus, zu fragen, ob wir mal…. Das in krassem Gegensatz zum prächtigen Rathause stehende stille Örtchen, na ja, aus dem Rathaus kommt man erleichtert wieder heraus und das ist der Sinn der Sache. Urla, na ja…..Die Schönheit einer Stadt liege im Auge des Betrachters, sagt man.
Dann eben Çeşme. Auch wird national gefeiert, die Boxen geben her, was das Zeug hält. Das hälst du im Kopp nicht aus und die Bässe wummern dein Inneres zusammen. Frischer Seewind macht das Hirn frei, in einer Stunde geht die Abendfähre hinüber zur Insel Chios, in Yunanistan gelegen, die nächste Insel vor dem türkischen Festland. Vor die Fähre ins Ausland bestimmt überall auf der Welt die Polizei. Wie? Ihr habt keinen Reisepass? Der liegt in Alanya im Tresor? Das Ikamet, die Aufenthaltsgenehmigung auch? Ihr habt nur deutsche Personalausweise? Zeigt mir doch mal die Tickets her. Runzelt die Stirn, haut das türkische Siegel drauf – iyi yolculuklar! Kommt gesund zurück.

Nach der Rückkehr am nächsten Abend bei der Wiedereinreise derselbe Beamte: „jetzt kann ich auch nach Hause gehen. Ich habe auf euch gewartet.“ Damit ihr keine Probleme mit meinen Kollegen habt. Türkische Freundlichkeit. Türkische Hilfsbereitschaft. Wie wäre es, wenn deutsche Zollbeamte mit einem Türken ähnlich vorgehen könnten?
Auf Chios, der Mastix-Insel, schlägt uns eine Welle von – Feindschaft entgegen. Eure Bundeskanzlerin ist schuld daran, dass es uns so miserabel geht! Die will auch noch, dass wir Buch führen sollen über die Milliarden, die Europa uns rüberschaufelt. Unerhört so was! Aua!
Sehr geehrte Frau Immernochundbaldwiederbundeskanzlerin, das müssten Sie mal hören, diese Griechen, mit welche hier nicht niederschreibbaren Worten die Griechen in Ihnen den Buhmann, die Buhfrau, ausmachen. Nicht die Ausbeutung durch die Papadopoulosse und ihre Schranzen, nein, allein Sie sind schuld. Wollen Sie etwas mehr darüber erfahren, dann laden Sie uns doch mal in die Kanzlerinnenwaschmaschine in Berlin auf eine Tasse Kaffee, besser Tee, ein! Vermutlich wird das nix, Ihr Pofalla, das ist doch der, der die Länge von Diskussionen bestimmt, wird keine freien zehn Minuten finden, richtig?
Immer noch Chios, die Mastix-Insel. Auf der Südseite von Chios tropft sommertags das Harz auf die Erde – und wird in kleinen Klümpchen image022 gesammelt. Die Bäume, so erfahren wir, werden bis zu 150 Jahre alt – und sie benötigen kein Wasser. Ihre Wurzeln reichen bis zu dreißig Meter tief in die Erde, das reicht ihnen. Alte Frauen sortieren diese Kostbarkeit heraus aus Blättern, Rindenresten, Erde, alles ohne Brille. Wir essen ein Leben lang viel Fisch, deshalb bleiben unsere Augen so scharf.
Der größte europäische Mastixproduzent ist die griechische Insel Chios. Um ein Kilogramm des begehrten Harzes zu gewinnen, muss man etwa zehn Bäume (Pistacia lentiscus L. var. chia Desf.) ritzen. 2004 erzielte ein Kilogramm Mastix auf dem Markt etwa 85 Euro. (Wikipedia)
Wir genießen einen herrlichen Abend auf Chios – jetzt ein Bier zum Abendessen. Ein Bier, welche Sorte mögen Sie denn? Wir haben Amstel, Heineken, Mythos, nicht die Sagen des griechen Altertums, sondern image026ein wunderbar gebrautes Mythos-Bier. Ah, da haben wir dann auch noch Chios-Pils, hier auf der Insel gebraut – aaaahhhh!
Eines vermissen wir auf Chios, das aus der Türkei gewöhnte diskrete Hähnchen am diskreten Ort. Diese Kulturentwicklung ist noch nicht übergeschwappt nach Europa. Die Hähnchengrenze verläuft zwischen der Türkei und Griechenland-Yunanistan.
Zwei Tage in Çeşme. Hier kommen die großen Fähren an – und hier fahren sie ab – nach Italien – Alexandria drüben auf der anderen Seite des Mittelmeeres – terra incognita – da will niemand hin..
Wir machen in Urlaubsreisende, schlendern, genießen, nehmen ganz unurlaubsmäßig an einer Fischauktion teil, lassen es uns gut gehen im Kekik-Hotel, Kekik ist der Majoran, sehr freundliche Leute, sehr ruhig gelegen. Verabschieden uns von Biray und Cemil, den Hilfsbereiten in ihrem eigenen Reisebüro.
Cemil brachte uns zu DER Sehenswürdigkeit in Çeşme, zu dem Anwesen, wo die Fische auf dem Zaun schwimmen. Die Çiupra, Mittelmeerfische schwimmen natürlich nicht auf dem Zaun, sondern im Zaun. Dreißig Meter lang zieht sich ein rund ein Meter breites und dreißig (!) Meter langes Aquarium an der Straßenseite des Anwesens lang. Ein deutscher Fernsehsender brachte dies vor einiger Zeit Ein offenbar recht wohlhabender Eigentümer ließ sich dieses Zuhause für hunderte Fische bauen, mit einer aufwändigen Wasseraufbereitung im Keller, mit Zufuhr von Mittelmeerwasser, kameragesichert und nachts angeleuchtet. Wir können uns nicht satt sehen. Neben hunderten Cipura drei grimmig aussehende Muränen.
Adieu, du schönes Örtchen Çeşme, auf hoffentlich bald schon! Rückreise nach Alanya non Stopp! Auf allen Fernsehkanälen des Landes wird, gebührend zum Nationalfeiertrag die Einweihung des Tunnels unter dem Bosporus hindurch in Istanbul zelebriert.
Mehr noch: auf allen Kanälen den ganzen Tag über immer wieder dieselben Sequenzen von der Supertat: dem Einzug der Kopftücher in die Amtsstuben.
Die in der Türkei bevorzugt flimmernden Seifenopern präsentieren sich frisch gewaschen und glattgebügelt. Zigaretten in Mündern und in Händen sind unkenntlich gemacht durch Überblendungen. So qualmt es rechts und links daneben deutlich…. Schöne heile Welt, die Türkei, unsere Wahlheimat.
Vor der Rückreise auf die riesigen Busbahnhof in Izmir geht mir meine liebe Frau noch verloren, kommt und kommt nicht wieder. Sie informiert mich, vor der Busfahrt noch das gar nicht so stille Örtchen aufzusuchen. Wo bleibt sie denn? Schon vermute ich, dass sie dieses aufkauft. Dann kommt sie doch noch, die Investition hat sich wohl zerschlagen…
Peter Hockenholz

 


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