Kein Tag zum “Gratulieren”….

Vor 108 Jahren, im März 1911, wurde der erste offizielle Frauentag begangen, nachdem er ein Jahr vorher auf der Internationalen Frauenkonferenz auf Vorschlag der Sozialdemokratin Clara Zetkin beschlossen wurde. Was für eine Tradition: Wir feiern den Weltfrauentag! Fallen wir uns jetzt jubelnd in die Arme? Oder ist es nicht vielmehr an der Zeit zu fragen: Wollen wir den überhaupt noch? Brauchen wir wirklich die geheuchelten Glückwünsche? Die Blumen?

Viele halten einen speziellen Frauengedenktag für überflüssiges „Genderzeugs“. Aber ist der Frauentag wirklich eine Showveranstaltung für gönnerhafte Männer, die sich an diesem einen Tag daran erinnern, dass noch sehr vieles im Argen liegt in der deutschen Gesellschaft (und in der türkischen noch viel mehr? Oder ist es viel mehr genau zu dieser Showveranstaltung verkommen, weil man sich da so prima von der Realität ablenken kann? In der Tat scheint der Frauentag umso mehr dort – und von denen – gefeiert und auch bekämpft zu werden, wo er leider noch ein dringend notwendiger Tag zum Innehalten und Bilanz ziehen wäre.

Ist ein solcher Gedenktag wirklich überflüssig? Mit dem gleichen Argument kann man dann auch Muttertag, Valentinstag, Gedenktage jedweder Art, am besten auch noch sämtliche Mahn- und Denkmäler abschaffen – man kann ja 365 Tage im Jahr daran denken, an die Mütter, die Geliebten, die gefallenen Soldaten, die Juden vom Holocaust, die Toten an der Mauer, an die unschuldigen Opfer von wem auch immer… Schaffen SIE das? Oder ist ein solcher Gedenktag nicht auch hin und wieder ein Stein des Anstoßes?

Wenn dieser Tag (oder alle anderen Gedenktage) nur dafür benutzt wird, der einen oder anderen (politischen) Gruppierung als Mittel zum Zwecke der Verfolgung ihrer eigenen Ziele zu dienen – dann ist er allerdings mehr als überflüssig. Wir brauchen keinen Weltfrauentag für sozialistische oder sonstige leere Politparolen, davon gibt es täglich genug in den Medien. Wir brauchen auch keinen Weltfrauentag, um im Namen irgendeiner Freiheit, die irgendwer mal zum Standard erhoben hat, Frauen vorzuschreiben, was sie anzuziehen haben – oder was nicht.

Aber warum diesen Tag nicht nutzen, um innezuhalten, nachzudenken und Bilanz zu ziehen, wo man steht – und wo man stehen möchte?

Sicher ist eine Debatte über die Rechte der Frauen in Deutschland eher ein „Jammern auf hohem Niveau“, betrachtet man dieses von der Türkei aus – in Deutschland wird keinem Mädchen der Schulbesuch mit dem Hinweis auf wichtige Hausarbeit oder gar Heirat (am Ende noch „arrangierte“ oder gar erzwungene ) verwehrt. Die Tatsache, dass es in der Türkei allerdings mehr Frauen in hohen akademischen Rängen gibt und nur unerheblich weniger weibliche Manager als in Deutschland, sollte man vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Realitäten in beiden Ländern erst mal sacken lassen, bevor man sich über Defizite bei den Frauenrechten in anderen Ländern echauffiert. 35,2% der Professoren, 40,2% der Assistenzprofessoren und 43,5% der Dozenten sind Frauen – in der Türkei. Bei den Forschungsassistenten ist nahezu die Hälfte weiblich.

Leider ist es nur eine Seite der Medaille. Frauen sind in der Türkei und auch in Deutschland nicht nur immer noch häuslicher Gewalt ausgesetzt, sondern es gibt auch erhebliche Defizite bei der Strafverfolgung der Täter. Das hängt – hier wie dort – einerseits an den betroffenen Frauen, die entweder aus so empfundener Alternativlosigkeit oder an falsch verstandener Rücksicht und Solidarität ihre Anzeigen nicht bis zum bitteren Ende durchziehen, andererseits aber auch an der gesellschaftlich tief verankerten Ansicht, dass die Frau es ja wohl irgendwie provoziert haben muss, wenn der Alte sie vermöbelt. Auch in Deutschland können prügelnde Ehemänner, Lebensgefährten oder Freunde mit sehr viel Nachsicht rechnen, wenn sie die Partnerin krankenhausreif schlagen und nicht irgendeinen Fremden. Das ist so absurd, dass man es beinahe nicht glauben mag, aber leider Tatsache.

Diese Extremsituationen sind aber nur eine Seite der Medaille. Wie bei #metoo sehr gut zu beobachten war, sind es immer noch die Männer, die sich anmaßen zu beurteilen, was Diskriminierung, sexuelle Belästigung oder andere Ungerechtigkeiten gegen Frauen sind… dass man immer noch nur bei Frauen mit Familie von einer „Doppelbelastung“ spricht, dass man immer noch nur weibliche Manager fragt, wie sie Beruf und Familie unter einen Hut bringen und dass es immer noch die Frauen sind, die bei Gründung einer Familie draufzahlen (zeitlich und finanziell) ist ein Zeichen, dass man noch sehr weit von einer echten Gleichberechtigung entfernt ist. Das Erstarken einer reaktionären Rechten lässt das Pendel in Deutschland eher wieder in die Gegenrichtung ausschlagen…

Dass einen der Handwerker als Frau nicht so ganz ernst nimmt bei Reklamationen oder Anweisungen, das, nun ja, kann Ihnen auch in der hessischen oder bayrischen Provinz passieren, das ist auch das kleinere Übel. Das wird auch kein Weltfrauentag bis ans Ende aller Zeiten ändern.

Trotzdem: um Bilanz zu ziehen, um an die „nicht gemachten Hausaufgaben“ erinnert zu werden – ja, dafür brauchen wir einen Weltfrauentag. ÜBERALL. 


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Über Martina Yaman 12 Artikel
Seit Mai 2001 lebe ich in Alanya, verheiratet und Mama von 2 Pubertieren. Neben der Familie beschäftige ich mich hauptsächlich damit, zu schreiben, im Geschäft meines Mannes (Autovermietung und Reisebüro) mitzuarbeiten und wenn dann noch Zeit ist, zu fotografieren und mein großes Hobby, die traditionelle Ebru-Kunst ("Papier marmorieren") zu betreiben.

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