Grosse Aufregung um “Kopftuch-Absage”

Stellungnahme des Stuttgarter Zahnarztes

In den vergangenen Tagen hat ein Screenshot einer Mail, in der ein Zahnarzt aus Stuttgart mit harschen Worten einer muslimische Bewerberin wegen ihres Kopftuchs eine Absage erteilte, grosse Empörung in den sozialen Medien hervorgerufen.

Dies vorab: entgegen unserer anfänglichen Vermutung ist die Mail ECHT. Nach unserer Einschätzung hat der Zahnarzt wohl völlig unterschätzt, welche Reaktionen er damit provoziert hat. Grundsätzlich sollte man aber beachten, dass ein Unrecht – die diskriminierende Mail – nicht mit einem anderen Unrecht – ein Shitstorm im Internet mit Nennung des vollen Namens, Adresse und sogar Veröffentlichung von Fotos des Arztes – aufgewogen werden sollte. Der richtige Weg wäre gewesen: Anzeige wegen Diskriminierung und Meldung der Praxis bei der Anti-Diskriminierungsstelle. In ähnlich gelagerten Fällen wurden den Bewerberinnen Entschädigungen in Höhe von ca 1500 Euro zugesprochen.

Bei aller berechtigten Empörung ist eine derartige “Online-Lynchjustiz” nicht angebracht. Die nachfolgende Erklärung, die uns Dr. Lunin per Mail zugesandt hat, wäre sicher als Absage an die Bewerberin angebrachter gewesen – und wenn die sonstigen Qualifikationen gepasst hätten, wäre es evtl möglich gewesen, eine Einigung zu erzielen). Eine so knappe Antwort wie in der Mail ist diskriminierend und der Bewerberin gegenüber verletzend und unfair. Nachfolgend veröffentlichen wir die Stellungnahme von Dr. Lunin im Wortlaut:

Öffentliche Erklärung Dr. Herbert Lunin

Für unsere zahnärztliche Praxis suchen wir im Moment eine ausgebildete zahnmedizinische Fachangestellte (m/w) idealerweise mit spezifischer Berufserfahrung. Wir benötigen eine Helferin für die Stuhl-Assistenz, aber auch speziell für den Hygienebereich.
Ich habe eine Bewerberin für die Arbeitsstelle mit einer unzureichenden und völlig falschen Formulierung abgewiesen. Dafür möchte ich mich zuerst einmal in aller Form und aufrichtig entschuldigen. Es war niemals meine Absicht, beleidigend zu wirken. Erklärungsversuche allein sind sicherlich nicht ausreichend. Meine Formulierungen waren einfach dumm und unpassend. Ich kann nur hoffen, dass meine Entschuldigung angenommen wird.

Ausgangspunkt war das leidige Dauerthema Kopftuch, das Hijab. Die Problematik ergibt sich in der Zuordnung dieses Themas zu Religion und Politik, zu Diffamierungsproblemen oder gar dem Grundgesetz. Problemfelder, die unterschiedlich diskutiert und interpretiert werden und zu gesellschaftlichen Polarisierungen führen.

In der Zahnmedizin entwickelte sich das Thema durch die Erhöhung der Hygienestandards durch das Robert-Koch-Institut auf eine andere Ebene. Zwischenzeitlich sind an den meisten Universitäten, ich nenne einmal speziell die Zahnklinik der Universität Marburg, Kopftücher in den klinischen Semestern aus rein hygienischen Gründen seit längerem nicht mehr gestattet. Um die religiösen Forderungen des Koranverse 24 und 31 zu erfüllen, können Einmal-OP-Hauben getragen werden, die die Haare entsprechend verhüllen. Eine Regelung, die sich langfristig keine Zahnarztpraxis entziehen kann und die grundsätzlich auch in unserer Praxis angewendet wird. Allerdings entspricht dieser Standard nicht immer der modischen Vorstellung der Helferin. Die ideale Einmal-Lösung ist noch nicht gefunden. Das Stoffkopftuch für den Tag ist jedenfalls nicht erlaubt, auch nicht in unserer Praxis.

Durch die Veröffentlichung habe ich allein am gestrigen Tag weit über 1000 Mails erhalten. Aggressive und gewaltbereite Aussagen waren nicht selten. In verschiedenen Accounts wurden mindestens genauso viele Äußerungen geschrieben, Bewertungsportale mit üblen Nachreden gefüllt. Das Praxistelefon kann wegen Überlastung nicht mehr zur Terminvergabe genutzt werden. In Wort und Schrift wird alles versucht, um den normalen Praxisablauf zu stören.

Politisch stehe ich weit weg von AFD und Neonazis, wurde für die meisten Schreiber aber sofort Kandidat in diesen Gruppierungen, zudem noch gewürzt mit unbeschreiblichen Hasstiraden. Sehr viele Äußerungen kann man ja nachlesen. Äußerungen, die die erwähnte Polarisierung weiter beschleunigen werden, alles Zubrot für die AFD.

Ich bitte einmal einzuhalten und darüber nachzudenken. Es ist nicht selten, dass man genau das Gegenteil dessen bekommt, was man erreichen möchte.

Das alles soll sich nicht nach Rechtfertigung anhören. Ich möchte mich allein entschuldigen.

Stuttgart, den 26.10.2016
Dr. Herbert Lunin

 

Nachtrag: dass es keine hygienischen Lösungen für eine kopftuchtragende Muslima im medizinischen Bereich gibt, halten wir gelinde gesagt für ein Gerücht. Auch eine Standard-OP-Haube entspricht nicht “modischen Vorstellungen” – und zwar von niemandem. Es gibt inzwischen für alle Situationen angepasste Hijabs, ob für Sport oder was auch immer. Es ist anzunehmen, dass ein sterilisierter “Sport-Hijab” aus T-Shirt-Stoff problemlos alle hygienischen Standards erfüllt. Wer etwas lösen will, findet Wege, wer nicht, Ausreden.


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Über Martina Yaman 11 Artikel

Seit Mai 2001 lebe ich in Alanya, verheiratet und Mama von 2 kleinen Monstern (nein, im Ernst:, von 2 tollen Kindern, Selimhan und Selin). Neben der Familie beschäftige ich mich hauptsächlich damit, die Webseite des Türkis Magazins zu administrieren, etwas im Geschäft meines Mannes (Autovermietung und Reisebüro) mitzumischen und wenn dann noch Zeit ist, zu fotografieren und mein grosses Hobby, die traditionelle Ebru-Kunst (“Papier marmorieren”) zu betreiben.
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